Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.

Friedrich Hölderlin, Der Gang aufs Land. An Landauer

 

Wir haben etwas Besonderes für Sie: Gedichte, die Sie durch diese Zeit begleiten. Gedichte, die trösten, Gedichte, die Kraft geben, Gedichte, die Gott suchen und ihn (nicht) finden.

Interesse geweckt? Lassen Sie sich in unseren Emailverteiler aufnehmen: leitung@keb-tuebingen.de
Sie bekommen von Frau Mathilde Dandl etwa einmal in der Woche per Email ein Gedicht aus dem „Tübinger lyrischen Notdienst“ .

Hier ein Vorgeschmack:

Die Wiesen von Burgund

Die Wiesen von Burgund klettern auf die Hügel
und hängen darauf reglos wie Anzüge
an einem Kleiderständer: Wir wissen nichts, verzweifelt nichts.
Das Gedächtnis ist ein Minimalist und beschränkt sich
auf das, was geschehen ist, es ist ratlos,
wenn es um romanische, unerfüllte Möglichkeiten geht.
Die Ackerkrähe vermisst das Feld methodisch wie ein Geometer.
Die Eschen, denen niemand Ästhetizismus nachsagt,
bilden selbst aus dem Blattwerk üppige Zelte.
Die Lerchen laufen in rasender Eile zwischen
den Wolken, wie Kellner im überfüllten Café, am Sonntag.
Nichts wissen wir. Das Unkraut wächst schneller als der Gedanke.
Wir betraten die kleine Kirche bei Vézelay;
niemand war dort außer dem nicht mehr jungen Pfarrer,
der die heilige Messe sang.
Er war so völlig allein, dass die Träne, die sich seit dreihundert Jahren
unter dem Lid der gesprungenen Glocke bildete,
bereit war, die letzte Reise anzutreten.
Doch sie hielt an. Noch nicht, noch nicht.
Solange die Einsamen singen …

Adam Zagajewski, in: Die Wiesen von Burgund, München/Wien 2003, S. 69