Lade Veranstaltungen

« Alle Veranstaltungen

Das Lyrische Netz

1. März 2021 um 0:00

Wir haben etwas Besonderes für Sie!

Gedichte, die Sie durch die Zeit begleiten.

Gedichte, die wesentliche Lebenserfahrungen aufgreifen,

Gedichte, die Kraft geben (können),

Gedichte, die Gott suchen und ihn (nicht) finden.

 

Interesse geweckt? Lassen Sie sich in unseren Emailverteiler aufnehmen:

leitung@keb-tuebingen.de

Wenn Sie ein Teil unseres Netzwerkes werden, bekommen Sie von Mathilde Dandl etwa einmal in der Woche per Email ein Gedicht aus dem „Lyrischen Netz“. Das Gedicht wird zunächst immer ohne Kommentar abgedruckt, so dass jede/r selbst seine Lesart entdecken kann. Wer will, kann dann per Email einige Eindrücke und Gedanken schicken, die dann in den meisten Fällen in den folgenden Brief aufgenommen werden, so dass sich die Gelegenheit zu einem Austausch ergibt.

 

Ein Gedicht aus dem Lyrischen Netz:

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
Unter den Akrobaten und Vögeln:
Mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
Wie ein Nest im Wind
Auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
Der sanftgescheitelten Schafe die
Im Mondlicht
Wie schimmernde Wolken
Über die feste Erde ziehn.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
In das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
Und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Hilde Domin

 

Liebe WegbegleiterInnen,

 

das Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“ von Hilde Domin gehört zu den bekanntesten Gedichten der westdeutschen Dichtung  und hat auch im Lyrischen Netz lebhafte Resonanz gefunden.

Stimme 1

Die Spannung zwischen der „Rose“ und der „Stütze“, die sich bereits im Titel ankündigt, liegt dem gesamten Gedicht zu Grunde. Am einen Pol dieses Spannungsverhältnisses gibt es  Bilder der Geborgenheit wie „Zimmer“, „Bett“, „Nest“, „Decke“, „feste Erde“, „einhüllen“, „verlässlich“ und „Halt“ – alles Dinge und seelische Zustände, nach denen sich die sprechende Person sehnt.

Am anderen Pol finden sich Metaphern der Ungebundenheit, Schutzlosigkeit und Fremdheit wie „Akrobaten“, „Vögel“, „auf dem Trapez“, „Wind“, „äußerste Spitze“, „Wolken“, „Leere.

Die Bilder aus beiden Bereichen gehen ein widersprüchliches Verhältnis zueinander ein, wie z:B. „ein Zimmer in der Luft“, „ein Bett auf dem Trapez des Gefühls “ins Leere gewiegt“ und diese Widersprüche kulminieren in der „Rose als Stütze“.

Ich verstehe diese widersprüchlichen Bilder so, dass sich das sprechende Ich in einer Situation befindet, die eigentlich gar nicht gelebt werden kann, die aber dennoch bewältigt werden muss: einerseits ausgesetzt, fremd und sehr allein, sehr gefährdet und außerhalb einer schützenden menschlichen Gemeinschaft. Dieses Ich sehnt sich nach einer schützenden Decke und fühlt sich Schafen nahe, die imTraum “ wie schimmernde Wolken über die feste Erde ziehn“, sie sucht Schutz „im Vlies der verlässlichen Tiere“ und hinter abschließbaren Türen.

Das sprechende Ich versucht täglich im Unmöglichen zu leben („in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt. Dieses Ich schwindelt dabei und findet „nur“ Halt“ in einer zarten, schönen Blume, die niemand „als Stütze“ bezeichnen würde. Diese steht als Symbol für etwas, was dieser gefährdeten Existenz seelischen und geistigen Halt gibt, denn von einem äußeren Halt kann hier nicht die Rede sein.

Jede/r kann und soll die Bilder des Gedichtes auf seine Weise deuten und auf sich beziehen;  dies soll auch durch die folgenden biographischen Hinweise nicht aufgehoben werden.

HIlde Domin, 1912 in Köln geboren, spricht vom Jahr 1951 als ihrem zweiten Geburtsjahr, weil es ihr in diesem Jahr auf der Insel Santo Domingo  „passierte“, dass sie „plötzlich“ Gedichte zu schreiben begann. Erst jetzt legte sie den Namen ihres Ehemannes Erwin Palm, eines Professors für klassiche Archäologie und Hispanistik, ab und benannte sich nach der Insel, die ihnen beiden Zuflucht vor der Judenverfolgung der Nazis geboten hatte.

 

„Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten, in jenem Hause am Rande der welt, wo der Pfeffer wächst und der Zucker und die Mangobäume, aber die Rose nur schwer, und Äpfel, Weizen, Birken gar nicht, ich verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort. Ich richtete mir ein Zimmer ein in der Luft/ unter den Akrobaten und Vögeln. Von wo ich unvertreibbar bin. Das Wort aber war das deutsche Wort, Deswegen fuhr ich wieder zurück über das Meer, dahin, wo das Wort lebt, Es war drei Jahre nach meiner Geburt. Ich war 22 Jahre weg gewesen. (H. Domin, Von der Natur nicht vorgesehen. Autobiographisches, München 1974)

 

Ihr erster Gedichtband erschien 1959 und trug den Namen unseres Gedichtes. Der „Heimkehr ins (deutsche) Wort ging auch eine „Sprachodyssee“ voraus: von der Muttersprache Deutsch ins Italienische, Französische und Englische, schließlich ins Spanische – sie verdiente sich in den Ländern ihres  Exils den Unterhalt durch Übersetzen.

Ihre eigene Erfahrung der Vertreibung ließ sie immer für die Geflüchteten eintreten:

… „Menschen wie wir wir unter ihnen

standen an femden Küsten

um Verzeihung bittend dass es uns gab…“ (Graue Zeiten)

 

Stimme 2

Das Gedicht von Hilde Domin ist eines meiner Lieblingsgedichte, es wiegt so „leicht“ (nach Deinen Worten zu HME) und schwer zugleich, nur Schönheit als Stütze in einem unverlässlichen Raum, den das Ich nicht erobern kann, der vorgibt zu wiegen und doch in erschreckender Leere ab-stürzen lässt. Nur eine Rose, eine stachelige, widerständige Schönheit/Liebe vielleicht als immaterielle Stütze, an die sich der Geist getrost binden darf. Alles andere taugt nicht für einen beständigen Sehnsuchtsort.

Das Gedicht begleitet mich schon lange und gibt mir in schwierigen Momenten Trost. Es löst Aufmerksamkeit für poetische Momente und Schönheit aus, führt mich zu mir selbst und träumt mich aus der Wirklichkeit, die mich umgibt und in Atem hält, in eine geistige Welt, die mich schützend umhüllt. Für mich ist der Schmerz des Versuchs, mir einen Ort zu bauen, in dem ich mir selbst begegne, und der sich als gefährdeter und gefährdender Ort erweist, sehr spürbar. Die Fremdheit, die aus diesem Bewusstsein entsteht, nicht heimisch werden zu können, nur vorübergehend ein „Nest“ auf der „äußersten Spitze des Zweigs“ zu bewohnen, ist der Stachel, der der sichtbaren Schönheit der (auch vergänglichen) Rose innewohnt.

Vielleicht findet sich im nächsten Brief noch Platz für eine andere ausführliche Interpretation, die bei mir eingegangen ist.

Eine weitere Wegbegleiterin aus München schickte uns zur Stärkung in schwierigen Zeiten Hilde Domins bekannte Zeilen: Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten!   Danke!

Für heute will ich mit einer kurzen Schilderung aus einer äußerst  schwierigen Gegenwart schließen, die mir von unserer Wegbegleiterin aus Jerusalem zugeflogen kam: dort gibt es einen erneuten Lockdown und man darf sich nur 1000 Schritte von der eigenen Wohnung entfernen:

Lockdown bei wunderbarem mildem Sommerwetter. Seltsame Erfahrung. Die meisten Leute sind sehr beunruhigt. Ich hatte gestern eine Gruppe Schueler (14 Jahre / 15 Jahre), je laenger wir ueber den Lockdown sprachen, desto mehr wurde deutlich, wieviel Zukunftsangst sie haben und zum Teil wie einsam sie sich in ihrer nun sehr reduzierten Welt fuehlen. Manche hatten die Phantasie, dass der lockdown nie aufhoeren wuerde, dass sie ein Lebenlang eingeschlossen bleiben. Andere mit grossen Aengsten, wie ihre Zukunft aussehen wuerde. Ich denke, diese Phantasien sind verstaerkt durch die Unsicherheit der Situation der Palaestinenser und durch die Erfahrungen der Eltern und Grosseltern mit Kriegen, Intifadas und anderen Extremsituationen. Emotional schwer auszuhalten diese Wiederkehr der Erinnerungen, die wahrscheinlich an die Kinder eher unbewusst weitergegeben werden.

Herbstlich herzliche Grüße an alle, besonders jedoch nach Jerusalem und nach Gomadingen auf der Schwäbischen Alb…

Details

Datum
1. März 2021
Zeit
0:00
Kategorien

Veranstaltungsort

Baden-Württemberg Deutschland